Donnerstag, 20. Mai 2010

Der ehrliche Weg zum Glück

Der ehrliche Weg zum Glück



Nichts ist erstrebenswerter, als glücklich zu sein. Aber nichts ist auch schwerer, als diesen Zustand zu erreichen – und vor allem zu erhalten. Wie es dennoch geht, sagt Psychologie und Heiko Ernst in seinem neuen Buch „Das gute Leben“



Es ist das größte Paradoxon unserer Zeit: Noch nie ging es uns materiell so gut wie heute, trotzdem waren gleichzeitig noch nie so viele Menschen so unglücklich mit ihrem Leben. Anhedonie, also die Unfähigkeit zum Glück, ist inzwischen sogar eines der häufigsten Symptome in der Psychotherapie - und nur die Vorstufe von Sinnverlust, Depression und Ängsten. Aber sie durchzieht auch unseren Alltag wie ein roter Faden und zeigt sich beispielsweise als chronisch schlechte Laune, die längst in vielen Büros und Betrieben Einzug gehalten hat. Sie erscheint in Form von Stress, Aggressivität und Reizbarkeit, als Lustlosigkeit und Langeweile. „Selbst wohlhabende Menschen haben heute die Mentalität von Schiffbrüchigen, weil unsere gesamte Gesellschaft von einer Sorgenkultur infiziert worden ist“, schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“. Gleichzeitig ist glücklich zu sein fast zur Pflicht geworden. Schließlich müssen wir bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren im Leben immerhin bis zu 300 000 Stunden Freizeit füllen. Dass wir trotzdem nicht glücklich sind, liegt vor allem daran, dass es über nichts so viele Irrtümer gibt wie über das Glück. Hier drei der größten: Wohlstand macht glücklich. „Wir glauben stets, dass wir wahrhaft glücklich wären, wenn wir nur ein bisschen mehr von dem hätten, was wir uns am meisten wünschen“, sagt der Evolutions-Psychologe Timothy Miller. Nichts weiter als ein raffinierter Trick der Natur: Dieses Denken soll uns nämlich zu immer neuen Verbesserungen motivieren. Doch was in der Steinzeit noch zur Arterhaltung diente, ist im 21. Jahrhundert zum freudlosen Wettrennen um immer mehr Geld oder Besitz verkommen. Dabei beweisen Studien, dass selbst Lottogewinner nur sechs Monate nach ihrem Gewinn wieder genauso glücklich oder unglücklich sind wie zuvor. Macht ist besser als Freunde. Besonders Männer glauben, dass eine Macht-Stellung sie automatisch zufriedener macht. Wissenschaftliche Beweise dafür gibt es jedoch nicht. Aber fürs Gegenteil: Manager leiden drei Mal so oft unter stressbedingten seelischen und körperlichen Erkrankungen wie einfache Angestellte. Freunde halten uns dagegen psychisch gesund. Das hat Kreativitäts- und Glücksforscher Miahlyi Csikszentmihalyi schon in den 80er-Jahren bewiesen. Freizeit ist besser als Arbeit. Laut Umfragen liegen Urlaub und Faulenzen bei den Deutschen immer noch hoch im Kurs. Forschungen haben jedoch belegt, dass wir erst dann richtig glücklich sind, wenn wir eine Aufgabe haben, die unseren Fähigkeiten entspricht und das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Nichtstun führt dagegen auf Dauer erst zur Stagnation, dann zur Frustration und schließlich zur Resignation. Doch es gibt einen ehrlichen Weg zum Glück, und der basiert auf vier Säulen:



1.Soziale Intelligenz. Wir leben erst dann gut, wenn wir stabile und befriedigende Beziehungen zu anderen gestalten können. Das erfordert Einfühlungsvermögen - eine Kunst, die uns angeboren ist, die aber allzu oft verkümmert, wenn sie nicht trainiert wird. Einfühlung besteht zum einen darin, die wahren Motive der anderen zu erkennen und ihre Reaktionen vorherzusehen. Soziale Intelligenz heißt aber auch, Kompromisse schließen, Streit schlichten und anderen verzeihen zu können. Gute Beziehungen - das zeigt die Glücksforschung eindrücklich - sind die wichtigste Voraussetzung für Glück.

2.Kritikfähigkeit. Wer sich alles gefallen lässt, jede Zumutung klaglos akzeptiert oder auch jeder neuen Vergnügung oder Unterhaltung hinterherhetzt, wird dadurch zum willenlosen Spielball der anderen und gerät unter extremen Stress. Denn Glück hat auch immer etwas mit Zeit und Selbstachtung zu tun. Wer sich also mit Oberflächlichkeiten betäubt oder sein Glück in fremde Hände legt, wird schnell vom Gefühl der Sinnlosigkeit und Bedeutungslosigkeit überflutet werden.

3.Krisenfestigkeit. Das gute Leben ist nicht die Utopie eines sorgen- und problemfreien Lebens - ganz im Gegenteil. Da Probleme und Unglück im Leben jedes Menschen unvermeidlich sind, besteht wahre Lebenskunst auch darin, damit fertig werden zu können. Aus Niederlagen und Fehlern lernen, auch in schwierigen Situationen seine Werte nicht verraten, an Widerständen wachsen - darin erweist sich letztlich die Fähigkeit, nach einem Unglück auch wieder glücklich werden zu können. Glück entsteht nämlich auch aus dem Stolz, sich von Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen und aus der Gewissheit, dass sich selbst dem Unglück ein Sinn für das eigene Leben abgewinnen lässt. Gut leben heißt in diesem Sinne auch: Auf alles gefasst sein - und sich auch in glücklichen Zeiten auf die Möglichkeit des Unglücks seelisch vorzubereiten.

4.Authentizität. In Übereinstimmung mit sich selbst zu leben, ist die vielleicht wichtigste Säule eines guten Lebens. Und das beginnt bereits damit, dass man sich fragt, was man im Leben eigentlich erreichen oder verwirklichen will, dass man seine besonderen Talente und Fähigkeiten entdeckt und herausfindet, wie man sie entfalten kann. Viele Menschen haben aber darauf verzichtet, ihre Begabungen zu entwickeln oder ihre Träume zu verwirklichen. „Sein Ding“ zu machen bedeutet häufig ein gerüttelt Maß an Anstrengung und Selbstüberwindung. Wer sein Wissen und Können vervollkommnen will, muss zur Leistung bereit sein und dabei lange Durststrecken in Kauf nehmen. Aber kein Glück ist so groß wie das, etwas Sinnvolles zu tun, die eigenen Grenzen zu testen und etwas Besonderes zu leisten. Denn Glück ist vor allem auch immer eins: eine Überwindungsprämie.







„Das Glück ist schon da. Es ist in uns, wir haben es nur vergessen und müssen uns lediglich wieder daran erinnern.“

Eine Weisheit des griechischen Philosophen Sokrates



Was glückliche Menschen anders machen


Sechs neue Forschungsergebnisse, aus denen wir alle etwas lernen können



SIE SIND ÜBER 30 JAHRE ALT

Jugendliche haben eine Art Scheinpersönlichkeit, weil sie sich viel zu sehr an anderen orientieren. Das haben der Züricher Ökonom Prof. Bruno Frey und seine britische Kollegin Susan Assman jetzt entdeckt. Man selbst zu sein, ist aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für Glück. Und das gelingt uns erst ab 30.



SIE TRAGEN KEINE ROSA BRILLE

Wer sich zu viele Illusionen macht, wird mit der Wirklichkeit immer unzufrieden sein, weil sie nie so schön ist wie in der Phantasie. Wahres Glück kann nur entstehen, wenn man die Realität nicht nur akzeptiert, sondern sie auch liebt. Das hat der deutsche Glücksforscher Alfred Bellebaum herausgefunden.



SIE MÖGEN HAUSHALTSARBEITEN

Abwaschen, Staub saugen, bügeln - solche Arbeiten führen uns in den so genannten „Flow“. Ein Zustand, bei dem man mit sich im Einklang ist. Wie Jean-Claude Kaufmann, Soziologie-Professor an der Pariser Sorbonne, entdeckt hat, gelingt das mit leichter körperlicher Betätigung besonders schnell, weil das Hirn dabei viele Glückshormone produziert.



SIE SIND DANKBAR

„Dankbarkeit ist der schnellste Weg zum Glück“, fand der US-Psychologie-Professor Barry Neil Kaufmann heraus. Denn immer wenn wir uns unwohl fühlen, können wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken, für das wir dankbar sind und werden uns dadurch sofort besser fühlen.



SIE FÜHREN EIN EINFACHES LEBEN

„Wer zu viel mit sich rumschleppt, nimmt sich damit den Raum zum Glück“, sagt Professor Robert Frank von der Comell Uni, New York. Denn wenn man von allem zu viel hat (Dinge, Aufgaben, Bekannte), sichert uns das letztlich nicht ab - so wie wir es uns erhoffen - es schafft nur Stress!



SIE SEHEN SICH NICHT ALS OPFER

Ein ganz entscheidender Vorteil glücklicher Menschen ist es, dass sie sich von alten Kränkungen lösen können. Das hat Barry Kaufmann, Psychologie-Professor am Option Institute, Massachusetts, herausgefunden. Denn statt sich als Opfer anderer zu sehen oder neidisch auf das Glück anderer zu sein, wissen sie, dass es allein an ihnen liegt, wie sie eine Situation beurteilen.



DAS BUCH „Das gute Leben“

Heiko Emsts neues Buch erscheint am

17. September im Ullstein Verlag. Die gebundene Ausgabe hat 220 Seiten und kostet 8 Euro



„Mut steht immer am Anfang unseres Hand, Glück dagegen am Ende.“

Eine Weisheit des griechischen Philosophen Demokrit

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